Wie geht es ihnen, Herr Punk?

Württembergische Kunstverein Stuttgart

Wie der Punk nach Stuttgart kam. Die Diskussion, Württembergischer Kunstverein, 21.09.2017

Ausstellung, Buch und Sampler von „Wie der Punk nach Stuttgart kam“ über Punk in der Landeshauptstadt von 1977-83 überzeugen mich. Die Diskussion dazu kann da nicht ganz mithalten, obwohl illustre Diskussionsteilnehmer geladen sind.

Irgendwie kommt es fast immer anders als man denkt. Das fängt damit an, dass der Zug, mit dem ich von heilbronX zur Diskussion nach Stuttgart-Kaputtgart reisen möchte, 50 Minuten Verspätung hat. Dabei bin ich schon so aufgeregt, seitdem ich den Termin entdeckt hatte. Eine Diskussion zu Simon Steiners Buch, Sampler und begleitendes Austellungsprojekt „Wie der Punk nach Stuttgart kam“ zum Thema Punk in Stuttgart von 1977-83. Das klingt nach einem Pflichttermin für ScharpingPershing. Den Blog stuttgartpunk.de zum Projekt hatte ich schon über Monate verfolgt und bin richtig gespannt auf das Ergebnis.
Der Besuch der Ausstellung vor der Diskussion verkürzt sich aufgrund oben erwähnter Bahn-Unzuverlässigkeit. Und nach der Diskussion bin ich unschlüssig, was ich davon halten soll. Aber, was habe ich eigentlich erwartet? Die Liste der eingeladenen Teilnehmer klingt interessant: Wolfgang Knupfer, ehemaliges Mitglied der Soko-Punk der Stuttgarter Polizei, Dan Peter, ein Ex-Punk und Musiker, der heute Pfarrer ist. Nadja Sequeval, seit 1981/82 Punk und früher Hausbesetzerin. Der Journalist Jürgen Elsässer – der sich damals mit Punk in Stuttgart beschäftigte. Elaine alias Maria Kron, die heute einen Blog betreibt und in der Elektro-Punk-Band Ursus spielt. Als Moderator Norbert Prothmann, Mitarbeiter beim Ausstellungsprojekt und ebenfalls ehemaliger Punk und Fanzine-Macher.
Ich kann und will in diesem Beitrag nicht den kompletten Verlauf der Diskussion mit allen Details wiedergeben. Mein Aufnahmegerät wollte nicht und daher mache ich eine Zusammenfassung mit eigener Bewertung, die entsprechend subjektiv ausfällt.
Teil der Ausstellung im KunstvereinDie Diskussionsrunde: Prothmann, Elaine, Peter, Elsässer, Kupfer, Nadja (v. links)
Die Diskussionsgrundlage war laut Ankündigungstext „Punk? In Stuttgart? Wie es anfing, wie es weiterging. Wer gegen wen. Selbstwahrnehmung, Außenwahrnehmung, Außenwirkung. Punk fürs Leben?“ Moderator Norbert Prothmann hat die Pflöcke mit diesen Schlagworten recht weitläufig eingeschlagen. Prinzipiell kann es in alle Richtungen gehen. Vorweg kann ich hier schon die Frage nach Punk fürs Leben beantworten. Nadja zieht es durch. Bei Elaine, die sich selbst nicht als Punk bezeichnet, wage ich aufgrund des jungen Alters keine Prognose, wohin es da geht. Polizist Knupfer und Journalist Elsässer waren es nie und der Rest hat sich in den frühen 80ern aus der Szene verabschiedet, um sich jetzt noch einmal damit zu beschäftigen.
Moderator Norbert Prothmann irritiert mich schon nach der Vorstellungsrunde, mit der Frage, warum der französische Punk in Deutschland so wenig rezipiert wurde. Ordne ich eher unter Randthema ein, das man kurz vor Schluss stellen kann. Relativ kurz fasse ich auch den Auftritt von Jürgen Elsässer zusammen. Er erinnert mich mit seiner ganzen Art sehr an Heiner Geißler bei der S21-Schlichtung. Sehr bedächtig und immer mit dem Verweis, dass praktisch alles vom Punk in der einen oder anderen Form schon bei den 68ern zu finden sei. Kam dann auch nicht so oft in der Diskussion zu Wort. Trotzdem sehr richtig seine Analyse, dass es mit zunehmendem Alter schwieriger wird eine Auflehnungskultur zu praktizieren. Hier im Haus ist das auch auf diesen Blog zusammengeschnurrt und der ist nicht wirklich subversiv.
Zurück zur Diskussion. Erwartungsgemäß wird es kontroverser, als es um die Rolle der Polizei in der damaligen Zeit geht und hier kommt es dann auch verstärkt zu Wortmeldungen aus dem Publikum. Elaine findet hier im Prinzip auch die richtigen Worte als sie zum Polizisten Knupfer sagt: „Ich finde gut, dass Sie die Eier haben sich hier einzusetzen.“ Denn als einziger Vertreter der Staatsmacht kann er an diesem Abend nur verlieren. Oberflächlich betrachtet sind im Publikum an diesem Abend praktisch ausschließlich Personen anwesend, die in der einen oder anderen Form im Punk involviert waren oder es noch sind. Und selbst ich, mit einer peripheren Punkhistorie kann mit zwei kleinen Polizeiübergriff-Geschichten aufwarten. Oder anders gesagt: Siehst du aus wie ein Punk, haste Stress mit der Polizei.
Wolfgang Knupfer wirkt wie der nette Polizist von nebenan Raum ist gut gefüllt, Publikum wirkt skeptisch
Geklärt werden kann an diesem Abend weshalb es in den frühen 80ern zur Einsetzung der Soko-Punk in Stuttgart kam. Nadja hatte eine Ahnung und Polizist Knupfer bestätigt es: Es war der Versuch der Rache an Skinheads für das Verprügeln eines Punks. Irgendwie symptomatisch, dass das dann an einer verpassten Straßenbahnhaltestelle scheitert und zu massiven Polizeiermittlungen führt. Wolfgang Knupfer tritt übrigens auf wie der nette Dorfpolizist von nebenan und weiß auch das eine oder andere Kompliment zu verteilen: So sei Punk schon interessante und innovativer als die rechte Szene gewesen, die „doch sehr dumpf war“.
Die Erzählung von der Soko Punk, die schon nach sechs Monaten zu einer Abteilung des Jugenddezernats wird und sich fortan um alle Jugend-Szenen von Punks, Wavern, Skins bis zu Hells Angels präventiv „kümmert“, regt dann nicht nur Elaine zum Nachfragen an: „Wie, so – Wie geht es Ihnen, Herr Punk?“ Aus dem Publikum kommt ernsthafter Widerspruch. Da wird dann von willkürlichen Festnahmen, Deportationen in die Pampa und Prügel berichtet. Immer wieder wird auch der Vorwurf erhoben, die Polizei in Stuttgart habe gezielt Daten gesammelt, die Szene kriminalisiert und versucht aus der Stadt zu verdrängen.
Die Antwort von Wolfgang Knupfer lautet dann, kann sein, ich war aber nicht dabei und weiß nichts davon. Man müsse unterscheiden zwischen Jugenddezernat, Staatsschutz und anderer Polizei. Aufgelöst werden kann der Komplex an diesem Abend natürlich nicht. Der Rest des Podiums ist sich übrigens einig, dass Punks in Stuttgart nicht sonderlich kriminell waren.
Wichtig ist für Norbert Prothmann die Rolle der Frauen im Punk. Denn im Punk hätten sie endlich mehr als Sängerin sein können. Wie zum Beispiel bei der Stuttgarter Band Frauenklinik hätten sie endlich alle Positionen einnehmen könne. Zudem sei die Musik, die Frauen machen, erfrischend anders. Letzteres stellt Elaine gleich mal in Frage. Schon früher in einer Metalband „wollte ich immer das machen, was die Kerle machen. “ Ihr sei es am liebsten, wenn man sie gar nicht als weibliche Musikerin wahrnehme. Nadja ist über derartige Diskussionen schon hinweg. Sie interessiert die Frage, ob Mann oder Frau die Musik macht, überhaupt nicht. Hauptsache sie ist gut.
Immer wieder wird im Lauf der Diskussion die Frage gestreift, was Punk sei. Und hier wird dann auch das ganze Spektrum an Deutungsmöglichkeiten ausgebreitet. Für Prothmann und Dan Peter war es vor allem etwas anarchisch Neues. Als sich dann Anfang der 80er ein Stilkodex und eine zunehmende Uniformierung breit gemacht haben, war es für sie vorbei. Nadja hat ihre ersten Erfahrungen mit Punk in besetzten Häusern gemacht, von denen es zwischen 81 und 83 zeitweise bis zu 15 gleichzeitig in Stuttgart gab. Für sie ist es eine Art politischen linken Lebensstils. Elaine sieht es mehr unter dem musikalischen Aspekt, allerdings weit gefasst: So habe auch Black Sabbath eine Punk-Qualität. „Es geht um das, was eine Musik mit dir macht. Manchmal steckt in einer Akkustik-Gitarre mehr Punk drin.“
Prothmann hat die Aufmerksamkeit von Elaine und Dan PeterDie Konzentration lässt nach
Auch aus dem Publikum meldet sich der eine oder andere zur Wort. So wird zwar im Laufe der Diskussion immer wieder betont, dass Äußerlichkeiten nicht wichtig für Punk seien. Trotzdem wird dann doch über Lederjacken, selbst gemachte T-Shirts oder Buttons geredet. „Ich habe Punk als eine Wachheit verstanden, nicht als Style“, meint ein Zuhörer dazu.
Besonders hervor tut sich ein alternativ Gekleideter, der zwar nach eigener Aussage nie Punk gewesen ist, aber dafür eine dezidierte Meinung dazu hat: „Punk bedeutet sich zu nehmen was man wolle.“ Im Übrigen sei alles, was oben aufs dem Podium diskutiert werde Schwachsinn, es gehe darum mit einer Revolution alles zu ändern. Das alles laut, breit und immer wieder die Diskussion unterbrechend, führte dazu, dass mir der Kollege recht schnell auf die Nerven geht. Interessanterweise ist es Lars Besa von Normahl der meint: „Punk war nicht politisch.“ Es sei darum gegangen, Pogo zu tanzen und Bier zu saufen. Und das von jemand, gegen den wegen Texten aus den 80ern vor kurzem noch ermittelt wurde.
Relativ überraschend endet die Diskussion nach etwas mehr als zwei Stunden. Vom Podium ist zu hören, das sich dort Erschöpfung breit macht. Daraufhin beendet Prothmann die Diskussion. Mich hinterlässt die Diskussion mit dem Gefühl des unbefriedigt seins und ich habe das Gefühl, dass es einigen anderen Besuchern auch so geht. Wobei ich nur wiederholen kann, dass ich nicht sagen kann, was ich eigentlich erwartet hatte. Die meisten Argumente zu Themenkomplexen wie Rolle der Frauen, Polizei oder politische Einstellung hatte ich schon mal gehört, höre oder lese ich noch. Ich beschäftige mich schon lange mit Punk und habe das jetzt nicht nicht nur für die Diskussion aus einem hinteren Hirnwinkel hervor gekramt. Am meisten habe ich bei den historischen Geschichten aus dem Punk-Alltag in Stuttgart mitgenommen.
Nebeneffekt: Buch und Schallplatte vor Ort erworben
Links:
Im Netz ist das eine oder andere zum Projekt zu finden, hier eine Auswahl

Noch mal Nachtrag: Nicht unterschlagen möchte ich zwei Artikel von Kontext:

Nachtrag: In einer früheren Fassung hatte ich geschrieben, Norbert Prothmann sei Kurator der Ausstellung. Das ist nicht korrekt: Kurator ist Uli Schwinge von Edition Randgruppe.


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