Haialarm im Kunstverein

Ein Plastik-Hai im Württembergischen Kunstverein

Die Fliehenden Ägypter / Kill Valmer / Nakam / Ursus / Herbärds, Württembergischer Kunstverein, 30. September 2017

Brachiale Soundgewitter, Kindergeburtstag und Mitgröhlen: Der zweite Tag des Festivals zum Projekt „Wie der Punk nach Stuttgart kam“ präsentiert alten und neuen Punk unterschiedlichster Stilrichtungen. Da auch das Publikum mitzieht, ein voller Erfolg.
Irgendwie hoffe ich, dass das mit Konzertbeginn 18 Uhr einfach nicht stimmt. Denn eigentlich geht es immer anderthalb Stunden später los als angekündigt, abgesehen von Konzerten in der Röhre. Und eben dem Württembergischen Kunstverein. Die Fliehenden Ägypter sind mitten in ihrem Auftritt, als ich ankomme. Hatte vor dem „Wie der Punk nach Stuttgart kam“-Projekt nie von denen gehört und den Namen sofort ins Herz geschlossen. Wenn ich es richtig aus dem Buch weiß, hatte die Band damals auch nur zehn Auftritte. Vom Quartett ist die Gruppe für diesen Abend zum Duo geschrumpft. Für die frühe Uhrzeit hat sich eine beachtliche Zuhörerschaft eingefunden, die sich berieseln lässt. Altersschnitt ist hoch, man nippt am Bier und beobachtet alles aus sicherer Entfernung. Der berüchtigte Graben zwischen Band und Publikum wird erst später geschlossen werden.
Die Fliehenden �gypter sind 2017 ein DuoPublikum hält Abstand zur Band
Auf eine Leinwand im Hintergrund werden Bilder aus der Ausstellung projiziert. Musikalisch irgendwo zwischen Punk und Rock, erzählt der Sänger noch das eine oder andere zwischen den Liedern. Zum Beispiel, dass sie früher gerne die Instrumente durchgewechselt haben. So hat dann jeder eines gespielt, dass er fast gar nicht beherrscht. War „Wir sind die Ägypter“ der letzte Song des Auftritts? Den Titel gibt es auch als Live-Mitschnitt von einem Auftritt 1981 in der Schorndorf Manufaktur auf YouTube.
Der ersten Auftritt an diesem Abend ist vorbei, vier weitere folgen noch. Zum Projekt „Wie der Punk nach Stuttgart kam“ findet ein dreitägiges Festival mit Stuttgarter Bands statt. Am Freitag war elektronische Musik dran, der heutige Samstag läuft unter der begriff Pogo und am Sonntag wird es mit Freistil experimenteller. Dem Veranstaltungsort Württembergischer Kunstverein wohl geschuldet, geht es schon um 18 Uhr los. Bis gegen 22 Uhr sollen an diesem Abend alte und aktuelle Bands aus dem Punk-Spektrum jeweils 30 Minuten Sets spielen.
Kill Valmer mit gelben Schwei�bändernPublikum lässt Luftballons fliegen
Von der Vergangenheit mit den Ägyptern macht es einen großen Satz ins jetzt. Kill Valmer treten als nächstes auf. Live hatte ich die bis dato noch nie gesehen. Die gelben Schweißstirnbänder deuten es schon an, hier steht der Spaß im Vordergrund. Ich glaube, der Sänger bezeichnet die Band in einer Ansage als Poppunk. Vielleicht nicht im klassischen Sinne a la Blink 182 sondern mit einer raueren Kante. Kommt nicht nur bei mir gut an. Dazu zündet die Band immer wieder Konfetti-Kanonen und verteilt Luftballons zum Aufblasen. „Das bläst In Stuttgart keiner auf“, meint dazu ein Bekannter. Weit gefehlt. Und jetzt nimmt der Auftritt immer mehr Züge eines Kindergeburtstages an. Fleißig werden die Luftballons geschmettert. Zwischendurch kann der Sänger tatsächlich das Publikum bewegen näher zur Bühne zu kommen und damit den Graben zu schließen. Als Krönung kommt dann noch ein großer aufblasbarer Hai zum Einsatz, der ebenfalls fleißig durch die Luft gewirbelt wird. Tatsächlich bin ich es, der das Kunststofftier mit dem letzten Akkord auf die Bühne schleudert.
Der Plastik-Hai fliegt oftBandmitglied zündet im Publikum Konfetti-Kanone
Mit Nakam aus Tübingen geht es dann in eine völlig andere musikalische Richtung., Spaß und Ironie werden von ungezähmter Wut abgelöst. Brachialer Hardcore mit dezenten Melodieanflügen, die beiden Gitarristen zaubern mit Bass und Schlagzeug eine mächtige Wall of Sound. Der Sänger brüllt sich die Seele aus dem Leib, wovon man aber kaum was hört.
Nakam aus T�¼bingenGute Posen vom Nakam-Sänger
Besonders gut gefällt mir, dass er bei einem Song teilweise völlig still dasteht und sein Gesicht eine Unschuldsmiene mit spöttischem Unterton ziert. Um in herum bearbeiten die anderen Bandmitglieder ihre Instrumente und machen das Tor zur Hölle einen spaltbreit auf. Es wird wenig getanzt, wobei ich das bei dieser Art von Musik auch schwierig finde. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass die Performance bei sehr vielen Leuten gut ankommt.
Unentwegte Tanzen zum Brachial-SoundSänger gibt alles - man hört fast nicht
Ich bin mittlerweile großer Fan vom Konzept, völlig unterschiedliche Bands zusammen spielen zu lassen. Das sorgt für Abwechslung und öffnet eventuell den eigenen Horizont. Im Rahmen dieses Festivals zeigt es die Vielfalt, was alles mit Punk möglich ist. Vielleicht war ja der eine oder andere Besucher da, der vorher nicht wirklich was mit der Musik zu tun hatte. Wobei ich an diesem Abend das Gefühl habe, dass es doch hauptsächlich Szenengänger sind.
Bedeutend mehr getanzt wird dann bei Ursus, das geht zu deren schmissiger Elektro-Punk auch definitiv einfacher. Sängerin Elaine alias Maria Kron war bei der Diskussion zur Ausstellung dabei und hat da erzählt, dass sie als Band großen Wert auf Bühnenoutfits legen. An diesem Abend sind die drei Bandprotagonisten in eng anliegende schwarze Ganzkörperanzüge gehüllt, der Gitarrist hat ein Schaumstoff-Fragezeichen auf dem Kopf. Sängerin Maria Korn muss nach kurzer Zeit am Gesicht die Mundöffnung vergrößern, da sie Atemprobleme bekommt. Nach dem Auftritt fühle ich mal vor, ob es mit einem Auftritt in heilbrönX was werden könnte.
Ursus im GegenlichtUrsus-Drummer bekommt Einzelbild
Zu guter letzt die Herbärds, angeblich Deutschlands erste Oi-Band. Die haben bei mir einen schweren Stand, da ich mit Oi jenseits von Blitz wenig anfangen kann. Vor allem, wenn es die deutsche Variante mit dieser tief angesetzten Singstimme ist. Mit Unterbrechungen gibt es die Band um Sänger Tek in unterschiedlichsten Inkarnationen seit den 70ern. Überraschenderweise kommt die Gruppe bei vielen Festivalgängern an, darunter auch jüngere, die das nicht nur aus historischen Gründen gut finden. Musikalisch ist es ganz passabel – aber der Gesangsstil…
Die Herbärds 2017Sänger Tek in Aktion
Nebeneffekt von frühen Festivalenden ist, dass man tatsächlich mit dem Zug nach Hause fahren kann. Zufrieden lasse ich auf der Rückfahrt die Eindrücke eines stilreichen Festivals mit gutem Besucherzuspruch Revue passieren. Schade, dass ich nicht zum ersten und dritten Tag gehen kann. Das mit der Reflexion geht erstaunlich gut, obwohl der Zug voll mit Wasengängern ist. Warum deutsche Oi-Sänger tief singen und andere Menschen sich unbedingt als Bayern verkleiden müssen, wird sich mir vermutlich nie erschliessen.
Menschen als Bayern verkleidet


3 Antworten auf „Haialarm im Kunstverein“


  1. 1 Administrator 04. Oktober 2017 um 13:38 Uhr

    Nicht vorenthalten möchte ich der geneigten Leserschaft die Videos, die Karl-Heinz Stille an dem Abend gemacht hat:

    Kill Valmer
    https://youtu.be/UuRheNvNpZk

    Nakam
    https://youtu.be/YpOYzJ1bdGM

    Ursus
    https://youtu.be/JDaZAGAU2Mk

    Herbärds
    https://youtu.be/yI0tnRXX0iM
    https://youtu.be/KhSUwRyiWG8

  2. 2 JensOmatic 05. Oktober 2017 um 14:18 Uhr

    Bin auf Deinen Blog gestossen, weil mir erzählt wurde, dass du immer so sexistisch schreibst, da war das jetzt aber ne große Enttäuschung!
    Nein im Ernst: gut zusammengefasst. Schade dass Du den Sonntag nicht mitnehmen konntest, dar war meiner Meinung nach der beste Tag und hat mich zu einem Fan der Familie Hesselbach gemacht.
    „Nach dem Auftritt fühle ich mal vor, ob es mit einem Auftritt in heilbrönX was werden könnte.“ Auch schön formuliert. Wer dabei war, weiß allerdings, dass Du sie laut angeschrien hast.

  3. 3 Administrator 06. Oktober 2017 um 9:00 Uhr

    Hm, „angeschrien“? Nach gefühlten 15 Wulle erstaunt mich das nicht und kann mich daran auch nicht ernsthaft erinnern. Hatte wohl auch noch etwas Nakam im Ohr. Ich bitte hiermit höflichst um Entschuldigung.

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