Die doppelte Jeanne d‘Arc

Decibelles aus Lyon

Decibelles / Krime, Emma 23 1. Dezember 2017

Vom Rockpalast in die Anarchistinnen-Kneipe: Die Decibelles aus Lyon blasen das Emma 23 richtig durch – dabei sind sie nur zu dritt. Auch Krime aus Tübingen wissen zu gefallen.

Den Abend eröffnen Krime aus Tübingen. Im Moment schaue ich verstärkt, was Bands aus der Region treiben und das Quintett hatte ich mir schon notiert; jetzt spielen sie tatsächlich vor der Haustüre. Was als erstes auffällt, sind die gewaltigen Unterschiede beim Verhalten auf der Bühne. Gitarrist und Organistin stehen sehr statisch da, der Basser spielt, glaube ich, das ganze Set mit dem Rücken zum Publikum. Der Schlagzeuger, der auch als Sänger bei Nakam aktiv ist, agiert etwas extrovertierter, kann sich hinter dem Drumset aber nicht richtig austoben.
Krime aus TübingenOrganistin und Drummer von Krime
Heraus sticht Sängerin Pia: Sie sucht intensiv den Blickkontakt mit dem Publikum. Den – natürlich – vorhandenen Graben zwischen Bühne und erster Publikumsreihe überbrückt sie, indem sie meistens auf dem Boden vor der Bühne steht. Hier unterstützt sie ihren Gesang durch ausdrucksstarke Gesten und lässt ihre Arme wie eine indische Göttin kreisen. Die Musik ist Punk, der durch die Orgel eine melancholische, wenn nicht sogar schwermütige Note erhält. Ich sehe hier ganz großes Potenzial.
Publikum an diesem Abend reagiert so weit auch positiv. Abgetanzt wird nicht, aber es gibt intensiven Applaus und etwas Mitwippen. Artig und charmant bedankt sich Sängerin Pia nach jedem Lied ins Publikum.
Bassist mit Rücken zum Publikum, das zuschautSängerin Pia giert extrovertiert
Danach die Decibelles. Ich wundere mich immer noch, was die Band aus Lyon an diesem Abend in Heilbronn macht. Sie war zwar schon im Februar 2016 da gewesen, aber inzwischen spielen sie eigentlich in einer anderen Liga. Vor kurzem waren sie Vorband bei den Beatsteaks und einen Rockpalast-Auftritt haben sie in diesem Rahmen auch absolviert. Wobei dieses Video nicht die Wucht vermittelt, die sie in Heilbronn an diesem Abend auf die Bühne bringen werden.
Decibelles-Sängerin und GitarristinDas Bild vermittelt nicht, wie die Schlagzeugerin spielt: hart
Jetzt also vor vielleicht 40 Leuten in der Emma. Mittlerweile sind sie keine reine Frauenband mehr, am Bass spielt jetzt ein Mann. Draußen liegt Schnee – die singende Gitarristin und die Schlagzeugerin wählen als Bühnenoutfit Shorts. Warum, wird schnell klar. Die beiden steigern sich immer stärker in den Auftritt hinein. Vor allem die Drummerin prügelt mit einer unglaublichen Vehemenz auf ihr Schlagzeug-Set ein. Dazu treibt der Bass und die Gitarre legt Sound-Fragmente darüber. Teilweise mit sehr wenig Verzerrung und viel Hall. Es entsteht eine gewaltige Wall of Sound, denn auch die hohen Töne werden abgedeckt. Oft schreien beide Frauen mit glockenklaren Stimmne im Chor die Texte, dass der Eindruck entsteht, als ob eine brunette und blonde Nachfolgerin aus der Asche der 1431 verbrannten Jeanne D‘Arc entstiegen sind. Bei aller Dynamik und Aggressivität bleibt der Ausdruck positiv, da auch oft gelächelt wird.
Die Decibelles gehen abEin kleiner Teil des Publikums tanzt
Das Publikum wippt mit, zum Tanzen kann man sich nicht entschließen. Erst ganz gegen Ende, die Band stimmt einen Gossip-artigen Song mit Dance-Rhythmus an, bildet sich eine kleine Gruppen mit Bewegungswilligen. Nach drei Songs als Zugaben ist Schluss. Ganz großer Auftritt. Ox-Schreiber Kalle hat übrigens die richtig guten Bilder von Krime und Decibelles gemacht.
Für mich geht der Abend noch ein wenig weiter. Während ich noch überlege, ob ich den Decibelles eine Platte abkaufe, entdecke ich die nagelneue PissShit Mini-LP. Also muss ich der anwesenden PissShit-Sängerin Franzi ein Exemplar abkaufen. Denn der erste ScharpingPershing-Artikel „Dickes Ende“ handelt unter anderem auch davon, wie sie mir nach dem Konzert mein Fahrrad klaut. Ihre Sicht der Geschichte hat sie nun in einem Song verarbeitet, der das Eröffnungslied der neuen Platte „Direkt aus Ludwigsburg“ ist. Ich sage nur so viel: Mein Bericht ist näher an der Wahrheit. Viel näher, liebe Franzi.


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