Ein amerikanischer Halbgott

Moving Targets im Goldmark\'s Stuttgart

Moving Target / Neat Mentals, Goldmark’s 13. Oktober 2018

Gespannt wie hundert Flitzebogen bin ich auf den Auftritt der Moving Targets – ist deren LP „Fall“ für mich doch eine der wichtigsten Punk/Hardcore-Scheiben. Das kann nach 25 Jahren Pause nichts werden – auch wenn die Neat Mentals Vorband sind.
Den Abend eröffnen die Neat Mentals und im Gegensatz zum Clowns-Auftritt bin ich auch von Anfang an da. Sie bringen einiges an Support von der Alb mit und so ist die Publikumsreaktion für eine Vorband in Stuttgart auch gut.
Die Neat Mentals im Goldmark\'sDrummer Flo in Aktion
Wobei mir die insgesamt Band ‚eh immer besser gefällt. Sie entwickeln das Gemisch aus 77er-Punk und Schwedenrock weiter zu einem eigenen Gebräu und haben richtig Lust zu spielen. Vor allem der Bassist lüftet immer wieder Can-Can-mäißg das Bein. Im November erscheint auch die neue Platte.
Die Band nutzt die gesamte BühneDie Spielfreude ist deutlich zu sehen, hinten Ken Chambers
Seitlich von der Bühne steht Moving Targets-Mastermind Ken Chambers und sieht sich fast den gesamten Auftritt an. Nach den Songs klatscht er höflich Beifall. Irgendwie hatte ich ja schon länger, das Gefühl, dass Ken ein wirklich netter Kerl ist. Wenn ich genau überlege, seit ich die Moving Targets am 7. Juni 1991 im Juz Backnang das erste Mal gesehen habe. Dieses Konzert war für mich unglaublich prägend. Wenn ich mich richtig erinnere, traten die Moving Targets damals als Quartett mit zweitem Gitarristen auf. Die Musik war kraftvoll, melancholisch und harmonisch zugleich. Postpunk und Post-Hardcore und dazu Kens prägnant Stimme – heute ist das in der Konstellation nichts besonderes. Damals war es für mich neu.
Ken Chambers ist Kopf der Movie TargetsDer Schlagzeuger ist der ruhende Pol
Vergegenwärtigen muss man sich, dass es damals nicht so einfach war, sich vor einem Konzert einen Eindruck von dem zu verschaffen, was einen musikalisch erwartet. In den Mailorderlisten wurde die Musik, wenn überhaupt nur mit wenigen Worten beschrieben. Kurz mal bei Bandcamp oder YouTube reinhören war nicht. Echte Überraschungen – positive wie negative – waren bei Auftritten so vorprogrammiert. im Fall der Targets war es so überraschend gut, dass sie von da an einen festen Platz in meinem musikalischen Gedächtnis einnehmen.
Ein gefühlvoller InterpretDer Bassist gibt körperlich alles
Die im gleichen Jahr erschienene LP „Fall“ habe ich seitdem unzählige Male gehört und lege ich heute noch jedem ans Herz. Die Platte gibt es bei Finest Vinyl für 7,99 Euro . Ein oder zwei Jahre später habe die Band im Schwimmbadclub in Heidelberg gesehen. Zum Dreier geschrumpft, war die Musik punkiger und zackiger. Ab Mitte der 90er hörte man dann nichts mehr von der Band.
Dem Publikum gefällt der AuftrittIn einer Trinkpause zaubert Ken noch Töne aus der Gitarre
Entsprechend groß ist dann meine Vorfreude als ein Vierteljahrhundert später das Konzert im Goldmark’s angekündigt wird. Meine Erwartungshaltung ist zwischendurch so groß, dass ich kurz vor dem Konzert fest davon ausgehe enttäuscht zu werden. Vor allem als ich lese, dass die beiden anderen Bandmitglieder inzwischen verstorben sind und Ken mit den neuen Musikern hauptsächlich über das Internet geprobt hat. Aber schon nach den ersten Akkorden ist klar, dass die neue Formation ein würdiger Nachfolger ist. Der Sound ist vergleichbar und vor allem die Stimme von Ken klingt fast genau wie früher. Motiviert sind die drei sowieso und auch vor der Bühne bewegt sich nach einiger Zeit das Publikum. Ich könnte jetzt einwerfen, dass ich mir mehr Lieder von meiner geliebten Fall-Platte gewünscht hätte, aber ich möchte einmal eine durch und durch positive Besprechung schreiben.